Rosi Steinberger MDL im Gespräch mit Udo Philipp

Schlüssel­erlebnis Finanz­krise

2009 hatte ich ein Schlüssel­erlebnis: Die globale Finanz­krise. Und im Besonderen: Wie die Bundes­regierung damit umging. Statt diejenigen zur Verant­wortung zu ziehen, die die Krise verursacht hatten, rettete der Staat nicht nur die Banken, sondern auch ihre Gläubiger und Aktionäre. Dass bei Pleite­unternehmen die Aktionäre eine Abfindung kassieren, widerspricht jeder volks­wirtschaft­lichen Vernunft. Kein Wunder, dass in den Hedgefonds die Champagner­korken knallten.

Bessere Wege aus der Krise

Zu dieser Zeit war ich als Geschäfts­­führer des schwedischen Investors EQT mittendrin. Auch manche unserer Unternehmen gerieten in eine existenz­­bedrohende Krise und waren plötzlich hoffnungslos überschuldet. Deshalb schossen wir von EQT Kapital nach und verhandelten für unsere Unter­nehmen mit den Banken: So konnten wir durchsetzen, dass sie Schulden stundeten oder erließen. Gemäß den Regeln der Markt­­wirtschaft haben auch wir von EQT dabei Geld verloren. Das ist selbst­ver­ständlich. So wurden die Unter­nehmen wieder gesund und die Arbeits­­plätze blieben erhalten – mit Hilfe des Geldes der Eigentümer, unserer Firma also, die wirtschaft­lich verant­wort­lich war.

Ganz anders bei den Banken – wo der Bund die Gläubiger und Aktionäre der Banken ausbezahlt hat. Deshalb wurde die Rettungs­aktion mit 392 Milliarden Euro so unglaublich teuer. Nur in Irland und Griechen­land war die Banken­rettung noch teurer. Mein Entsetzen darüber war groß, wie sich die Bundes­regierung von den Banken über den Tisch ziehen ließ. Und mir wurde klar: Ich will politisch etwas verändern. So konnte es nicht weiter­gehen!

Quereinstieg in die Politik

Ich habe daraufhin die Anteile an meiner Firma verkauft, habe noch einmal für ein Jahr studiert und einen Master in öffentlicher Verwaltung gemacht. Mit Schwerpunkt auf internationale Volks­wirtschaft, Euro­krise und Finanz­markt­regulierung. Das war für mich das Fundament, um mich anschließend politisch stärker einzubringen. Politisch interessiert war ich schon als Jugendlicher. Mein erstes politisches Amt bekleidete ich als Schüler­sprecher. Unsere Schüler­vertretung war damals eine sehr politische, links­gerichtete Bewegung an einer stock­konservativen Schule. Dort lernte ich zum ersten Mal, wie es ist, wenn politische Macht zwischen verschiedenen Interessen sehr ungleich verteilt ist. Heute sind die Grünen meine politische Heimat. Ich arbeite intensiv mit Sven Giegold (MdEP) und Gerhard Schick (MdB) zusammen. Zum Beispiel haben wir zu dritt das Buch Finanzwende – Den nächsten Crash verhindern geschrieben. Auch in Parteigremien engagiere ich mich: Insbesondere in der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Finanzen, deren Sprecher ich bin und in der Rentenkommission der Grünen. Aber auch in der Zivilgesellschaft kann man politische Themen vorantreiben. Zum Beispiel als ehrenamtlicher Vorstand des Instituts für Finanzdienstleistungen (iff), einem gemeinnützigen Verein, der sich für mehr Nachhaltigkeit und Verbraucherschutz in der Finanzbranche einsetzt oder als Mitglied bei Finance Watch, einem europäischen Gegengewicht zur Finanzmarktlobby.

Halb Hausmann, halb Aufsichtsrat

Dieses intensive ehrenamtliche Engagement in der Politik ist mir möglich, weil ich heute nur noch in Teilzeit berufstätig bin. Als Aufsichtsrat für Triodos, Europas führender Nachhaltigkeitsbank. Meine Frau arbeitet Vollzeit. Ich kümmere mich um den Haushalt und unsere beiden Kinder.

In München bin ich mit meiner Familie zu Hause. Nach meiner Jugend in Bonn, dem Studium der Volkswirtschaft und Politik in Paris, beruflichen Stationen in Dresden und Berlin, bin vor gut 20 Jahren nach Bayern zurückgekehrt. Bayern ist für mich Heimat. Hier wurde ich auch geboren. Im beschaulichen Leipheim an der Donau.

Ein fairer Deal als politische Vision

In all den Jahren ist mir eine Sache sehr deutlich geworden: In unserer Gesellschaft fehlt die Balance zwischen Privatinteressen und Gemeinwohl. Das politische Ziel, das mich heute antreibt ist ein fairer Deal für unsere Gesellschaft. Ich bin der Meinung: Wirtschaft verpflichtet.

Franz Müntefering hat Private Equity Investoren als Heuschrecken bezeichnet, weil sie in Wildwest-Manier über Unternehmen herfallen und sie ausbluten. Bei EQT habe ich gesehen, dass man in dieser Branche auch Geld verdienen kann, ohne die Moral über Bord zu werfen. Als Gründer von EQT in Deutschland habe ich große mittelständische Firmen gekauft, sie als Eigentümer geführt und langfristig aufgebaut. Dank unserer Investitionen sind mehrere Tausend Arbeitsplätze in Deutschland entstanden. Das ist etwas, worauf ich auch heute noch durchaus stolz bin.

In der Zeit bei EQT habe ich aber auch viele Dinge gesehen, die mich bis heute aufregen. Unternehmen, die ohne Hemmungen staatliches Versagen ausnutzen, um ihren Gewinn zu maximieren. Marktmacht und Monopolrenditen, die nur entstehen, weil findige Anwälte das Kartellamt übertölpeln. Clevere Berater, die immer ein Schlupfloch finden, um keine Steuern zu zahlen oder Regulierungen zu umgehen. Und so viele Unternehmen, die obszöne Gewinne machen, weil sie ihre Produkte zu übertriebenen Preisen an einen ahnungslosen Staat verkaufen können.

Märchen der Lobbyisten entlarven

Als jemand, der viele Unternehmen in vielen Branchen geführt hat, traue ich mir eins zu: Die Märchen der Lobbyisten zu entlarven und mit den Unternehmensvorständen auf Augenhöhe zu verhandeln. Wie oft wird behauptet, gute politische Ideen seien praxisfremd und würden den Mittelstand ruinieren. Unsinn. Mir kann man so nicht kommen. Ich weiß, wie man erfolgreiche Unternehmen führt und was sie ruinieren könnte. Meist sind es nicht die guten Ideen, die Arbeitsplätze gefährden, sondern die Märchen der Lobbyisten.

Ich möchte daher meine Erfahrung nutzen, um bessere Rahmenbedingungen für eine dynamische Wirtschaft zu setzen. Junge innovative Unternehmen müssen verschlafenen Monopolisten Beine machen. Märkte funktionieren nur mit echtem Wettbewerb und mit harten staatlichen Leitplanken. Nur dann wird es verbraucherfreundliche, verantwortungsvolle und nachhaltige Unternehmen geben. Dafür will ich streiten.