Wettbewerbsfähigkeit ist das große Schlagwort von deutschen Euro-Hardlinern. Kürzlich las ich in der New York Times einen Artikel über Macron und die Probleme der Eurozone. Am Schluss standen folgende bemerkenswerten Sätze: „Wenn die Franzosen weiter an ihrer 35 Stunden Woche festhalten, sollen sie besser aufhören, sich über Deutschlands Handelsbilanzüberschuss zu beschweren. …  Der Euro hat ein Strukturproblem: Die Mitgliedstaaten können ihre Währung nicht abwerten. Aber das wussten sie vorher und jetzt brauchen sie sich nicht zu beschweren. Stattdessen können sie versuchen, härter zu arbeiten, um mit dem Stärksten mitzuhalten“. Zuerst dachte ich, ob Donald Trump oder irgendein anderer Populist jetzt Gastbeiträge für die NY Times schreiben würde, doch dann sah ich den Autor: Jochen Bittner, ein preisgekrönter Journalist der angesehenen Wochenzeitung DIE ZEIT. Da blieb mir doch die Spucke weg. Das klingt mehr nach National-Darwinismus als nach liberaler-pro-europäischer DIE ZEIT.

Was ich nicht verstehe, ist, warum all diejenigen, die der guten alten Deutschen Mark hinterher trauern, anscheinend unter Amnesie leiden. In der Eurozone sollten alle Mitgliedstaaten eine Entwicklung der Lohnstückkosten im Gleichklang mit der angestrebten Inflation von 2% anstreben. Genauso wie es schädlich ist, wenn manche Mitgliedstaaten ein höheres Wachstum der Lohnstückkosten tolerieren, ist es schädlich, wenn andere Mitgliedstaaten ihre Lohnstückkosten über längere Zeit langsamer wachsen lassen als die Inflation. Man könnte eine solche Politik getrost als beggar thy neighbor oder weniger vornehm, als Lohndumping bezeichnen.

Was wäre wohl passiert, wenn wir noch die nationalen Währungen hätten? Dann hätte es Anpassungen der Wechselkurse gegeben. Aber nicht nur Abwertungen, wie Herr Bittner schreibt. Nein, auch Aufwertungen. In den Jahren vor der Euroeinführung hat die DM regelmäßig immer wieder aufgewertet und so dafür gesorgt, dass auch mit der hartnäckigsten Lohnzurückhaltung Deutschland niemals auch nur ansatzweise einen Handelsüberschuss von 8% des BIP erzielt hat.

Die Graphik oben zeigt sehr schön, in welchem Maße Deutschland Lohnzurückhaltung betrieben hat. Der Abstand zur grünen 2% Linie betrug für Spanien 17 Prozentpunkte. Das heißt die Lohnstückkosten in Spanien sind von 1998 bis 2008 um kumuliert 17% schneller gestiegen als die Zielmarke von 2% pro Jahr. In Deutschland hingegen betrug der Abstand zur Zielmarke ganze 22%. Das heißt, um 22% sind die Löhne in Deutschland kumuliert bis zum Jahr 2007 zu langsam gewachsen. Damit hat sich Deutschland einen Wettbewerbsvorteil mit dem Euro erkauft, den es zu Zeiten der Deutschen Mark nicht gegeben hätte. Dann hätte es nämlich eine saftige Aufwertung gegeben. Und damit hat Deutschland die Eurozone genauso destabilisiert wie Spanien und die anderen Krisenländern und mehr als Frankreich oder Italien.

Diejenigen, die jetzt immer wieder gnadenlos die Krisenländer aufrufen, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch „interne Abwertung“, sprich durch Lohnsenkungen wiederherzustellen, vergessen, dass es analog eine Aufwertung in Deutschland geben müsste. Auch die Aufwertung kann intern erfolgen, sprich durch Lohnsteigerungen. Unsere mehr als 8% Exportüberschuss zeigen, dass die deutschen Unternehmen problemlos eine Aufwertung verkraften würden. Da diese im Euro nicht mehr möglich ist, müssen also die Löhne steigen. Und zwar um einige Jahre schneller als die Produktivität und die Inflation, sonst nähert sich die rote Kurve Deutschlands nie wieder dem Durchschnitt der Eurozone an. Und mit den höheren Löhnen geht es nicht nur Europa besser, sondern vor allem auch den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland.

 

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